Ich muss funktionieren. Wirklich?
„Ich muss funktionieren.“
Ein Satz, den viele Menschen kennen. Vielleicht sagen wir ihn nie laut. Vielleicht merken wir ihn erst dann, wenn wir müde sind und trotzdem weitermachen. Wenn wir uns nicht gut fühlen und dennoch sagen: „Es geht schon.“ Wir stehen auf. Gehen zur Arbeit. Lösen Probleme, treffen Entscheidungen, übernehmen Verantwortung, helfen anderen und geben unser Bestes. Und daran ist zunächst einmal nichts falsch. Wir dürfen unsere Arbeit gerne machen. Wir dürfen ehrgeizig sein. Wir dürfen Ziele haben und Freude daran empfinden, etwas zu erreichen.
Die interessante Frage ist deshalb nicht:
„Wie viel leiste ich?“
Sondern vielleicht:
"Warum habe ich das Gefühl, leisten zu müssen?“
Zwischen „Ich möchte“ und „Ich muss“
Es gibt einen Unterschied zwischen:
„Ich möchte etwas leisten.“
und:
„Ich muss etwas leisten, um mich gut zu fühlen.“
Zwischen:
„Ich möchte erfolgreich sein.“
und:
„Ich darf nicht scheitern.“
Der eine geht am Abend nach Hause und denkt:
„Das war ein guter Tag.“
Der andere denkt:
„Ich habe heute einfach nur wieder funktioniert.“
Von außen kann beides ganz ähnlich aussehen. Zwei Menschen können mit demselben Einsatz arbeiten, dieselben Ziele verfolgen und genauso erfolgreich sein.
Vielleicht liegt genau hier ein wichtiger Aspekt von Gesundheit: nicht nur darin, was wir tun, sondern auch darin, aus welcher inneren Haltung heraus wir es tun.
Welche Stimme treibt mich an?
In der Psychologie gibt es verschiedene Modelle, die sich mit inneren Antreibern und Verhaltensmustern beschäftigen. In der Transaktionsanalyse werden beispielsweise Antreiber wie „Sei perfekt“, „Sei stark“, „Mach es allen recht“, „Streng dich an“ oder „Beeil dich“ beschrieben. Solche Begriffe sind keine Diagnosen. Sie können aber dabei helfen, eigene Muster zu erkennen. Es lohnt sich eine andere Frage: Was glaube ich, würde passieren, wenn ich diesen Ansprüchen einmal nicht gerecht werde? Woher kommen unsere inneren Antreiber? Unsere Vorstellungen davon, was richtig, sicher oder erfolgreich ist, entstehen nicht im luftleeren Raum. Wir werden durch unsere Erfahrungen geprägt, durch unsere Erziehung, unser Umfeld, unsere Beziehungen und natürlich auch durch unsere eigene Lebensgeschichte. Dabei können auch Erfahrungen innerhalb einer Familie eine Rolle spielen. Wer beispielsweise in einer Familie aufwächst, in der Sicherheit über viele Jahre hinweg nicht selbstverständlich war, kann bestimmte Botschaften besonders stark verinnerlichen: „Wir müssen durchhalten.“ „Man darf sich nichts anmerken lassen.“ „Sicherheit gibt es nur, wenn man genug hat.“
Gerade Familien, die Krieg, Flucht, Vertreibung, Hunger oder wirtschaftliche Unsicherheit erlebt haben, können von solchen Erfahrungen geprägt sein. Forschung beschäftigt sich deshalb zunehmend mit der Frage, wie belastende Erfahrungen innerhalb von Familien und über Generationen hinweg nachwirken können. Dabei können Erziehung und Familienbeziehungen eine Rolle spielen, aber auch andere soziale und biologische Mechanismen. Das bedeutet nicht, dass wir unseren Eltern oder Großeltern die Verantwortung für unser heutiges Verhalten geben können. Aber vielleicht lohnt sich die Frage: Welche Vorstellungen von Sicherheit, Leistung und Stärke habe ich eigentlich gelernt? Und: Welche davon gehören wirklich zu mir?
Wenn „mehr“ nie genug ist
Unser innerer Antreiber zeigt sich nicht unbedingt nur bei der Arbeit. Vielleicht zeigt er sich auch darin, dass es immer noch etwas mehr sein darf.
Mehr Geld.
Mehr Anerkennung.
Mehr Besitz.
Der nächste Titel.
Die nächste Karrierestufe.
Das größere Haus.
Auch daran ist nichts grundsätzlich falsch. Erfolg kann Freude machen. Leistung kann erfüllen. Ehrgeiz kann uns antreiben und uns helfen, Dinge zu verwirklichen, die uns wichtig sind. Aber manchmal lohnt sich ein kurzer Moment des Innehaltens: Will ich das wirklich? Oder brauche ich es, um mich sicher, anerkannt oder wertvoll zu fühlen? Vielleicht steckt hinter dem Wunsch nach „mehr“ manchmal die Angst vor „zu wenig“. Vielleicht wurde irgendwann gelernt: „Wenn wir genug haben, kann uns nichts passieren.“ Und aus einem früher sinnvollen Bedürfnis nach Sicherheit kann sich später ein innerer Satz entwickeln: „Ich darf niemals wieder zurück.“ Das muss uns nicht bewusst sein. Genau deshalb kann es interessant sein, einmal genauer hinzuschauen.
Wenn wir unsere inneren Antreiber erkennen
Wenn wir unsere inneren Antreiber erkennen, müssen wir sie nicht sofort loswerden. Vielleicht müssen wir sie zunächst einfach kennenlernen. Denn wenn ich weiß, warum ich immer alles perfekt machen möchte, kann ich mich irgendwann fragen: Will ich es gerade wirklich perfekt machen oder was treibt mich da eigentlich an? Wenn ich ständig mehr erreichen möchte: Ist es meine Freude am Erfolg oder versuche ich damit, eine alte Unsicherheit zu beruhigen? Solche Fragen machen uns nicht weniger leistungsfähig. Im Gegenteil. Sie können uns helfen, bewusster zu entscheiden, wofür wir unsere Energie einsetzen. Wir dürfen unsere Arbeit lieben. Wir dürfen erfolgreich sein. Wir dürfen uns über Leistung freuen. Aber es macht einen Unterschied, ob wir innerlich das Gefühl haben: „Ich muss“ oder „Ich will.“
Selbstbestimmt statt getrieben
Aktuelle Forschung zur Selbstbestimmung am Arbeitsplatz weist darauf hin, dass autonome Motivation – also Motivation, die stärker aus eigenen Werten, Interessen und echter innerer Zustimmung entsteht – mit Arbeitszufriedenheit, Engagement und Wohlbefinden zusammenhängt. Das bedeutet nicht, dass Arbeit immer leicht sein muss. Auch eine Aufgabe, die wir freiwillig übernehmen, kann anstrengend sein.
Der Unterschied liegt darin, ob wir unsere Energie bewusst für etwas einsetzen, das uns wichtig ist oder ob wir ständig versuchen, einem inneren „Du musst“ gerecht zu werden.
Vielleicht entsteht genau daraus mehr Leichtigkeit und wir können irgendwann sagen:
Ich mache es nicht, weil ich muss.
Ich mache es, weil ich es will.
